Reisetagebuch 2023 - 4. Woche
29. August 2023
Tag 22: Međugorje - Monte Križevac
Strecke: ~10 km
in und um Međugorje
in und um Međugorje
Bosnien: Međugorje
Mit dem Motorrad nicht weit gekommen, dafür wieder ganz schön nass geworden. Stattdessen auf der Karte der Weg auf den Monte Križevac, wenn auch fehlerhaft, weil die Aufzeichnung zwischenzeitlich pausiert wurde - wie und warum, weiß ich leider nicht.
Abschied nehmen
Der Morgen hat etwas verstimmt begonnen, aber ich habe gut geschlafen und bin guter Dinge. Zuerst bin ich einkaufen gegangen, etwas Gebäck, Käse und Tomaten für heute und morgen gekauft. Danach habe ich mich in den Speisesaal gesetzt und durfte Alina, die Chefin des Hauses kennenlernen. Eine sehr freundliche Person, sehr herzlich und zuvorkommend. Die Menschen hier sind wirklich besonders, und wahrscheinlich sind sie es, die diesen Ort so besonders machen. Günthers Website wächst, oder eigentlich ist es ja unsere Seite, es hilft mir tatsächlich sehr, dieses Niederschreiben, weil ich dadurch viel reflektiere und auch einiges von der Seele schreiben kann. Außerdem würde ich bei all den Eindrücken und Erlebnissen wahrscheinlich mehr als die Hälfte vergessen, ich merke mir in letzter Zeit sowieso sehr wenig.
Momentan sitze ich am Fuße des Križevac, trinke noch einen Kaffee, weil es wieder regnet, und ich das Schlimmste abwarten möchte. Die Aussicht ist auch hier wunderbar, und ich denke an Günther, weil vor einem Jahr sind wir in diesem Café gesessen und haben uns von einer (ich glaube spanischen) Reisegruppe mitreißen lassen. Alle Tische und Stühle wurden beiseite gestellt, um im Kreis zu tanzen und zu singen. Die Stimmung war voller Hoffnung und Freude, und es war einzigartig, und eine Freude, hier dabei sein zu dürfen. Ich war auch letztes Jahr alleine am Berg, denn Günther wäre das zu anstrengend geworden nach 7 Monaten durchgehender Chemotherapie und seinen Problemen mit der Kurzatmigkeit. Als ich aber oben war, entdeckte ich seine Drohne, die sich just bei meinem Ankommen auch dem Gipfel näherte. Zuhause, kurz vor meiner Abreise, habe ich zufällig die Videos von damals entdeckt, ein weiterer Hinweis für mich, dass ich nochmal hinauf muss. Es ist jetzt ziemlich genau 12:00 und ich bin froh, dass es nicht mehr so heiß ist wie noch vor einer Stunde, mit Regen habe ich gerechnet, die Jacke aber natürlich im Hotel vergessen. Was soll's, so muss ich weniger Kleidung trocknen, die von gestern war heute Vormittag auch noch nass. Ich habe genug mit, natürlich wieder mehr als genug, insbesondere deshalb, weil ich letzte Woche kaum was gebraucht habe, und mein Shirt, die Hose und den Bikini habe ich einfach im Meer ausgewaschen, oder bin darin geschwommen. Es tut gut hier zu sitzen, ich habe damit begonnen, schon am Handy meine Gedanken aufzuschreiben, so brauche ich sie abends nur noch kopieren und mit Bildern untermalen. Ich fühle mich im Moment eigenlich auch nicht wirklich einsam, was mich ein wenig wundert, es tut gut, einfach mal für sich zu sein und nichts anderes tun zu müssen, als sich mit sich selbst und der Trauer zu beschäftigen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass ich deutlich gestärkt heimkehren werde, und das werde ich in Anbetracht meiner verzwickten Lebenssituation auch brauchen. Jetzt kommt die Sonne wieder raus, vermutlich nur kurz, also starte ich besser los, meine Füße zappeln sowieso schon die ganze Zeit während ich hier sitze. Ich bin gespannt und aufgeregt, aber ich glaube, es wird wirklich alles gut, anders, aber trotzdem auf andere Art und Weise irgendwie gut.
Es ist nicht ganz 15:00 Uhr, ich bin zurück und trinke Kaffee, schon wieder. Der Regen hat mich heute verschont, bis jetzt, denn es beginnt eben wieder etwas zu regnen. Es war nicht einfach, und ich bin froh, dass heute sehr wenig los ist, weil ich dadurch besser bei mir selbst bleiben konnte. Oben angekommen habe ich natürlich in den Himmel geschaut, keine Drohnen unterwegs, aber Günther in jeder Minute bei mir. Beim Kreuz habe ich sein Totenbild abgelegt, so hat er es auch noch herauf geschafft, wenn auch nicht in der Art, wie ich mir das gewünscht hätte. Dass es viele Tränen gab, muss ich wohl nicht erwähnen, aber es hat gut getan, ich fühle mich ein wenig erleichtert, nicht ganz so schwer ums Herz, zumindest im Moment. Der Abstieg war einzigartig, "I did it my way", ich bin irgendwo falsch abgebogen, oder überhaupt falsch eingestiegen, das habe ich letztes Jahr deutlich besser gemacht. Aber so wie Günther, bin auch ich immer meinen eigenen Weg gegangen, und das waren eher selten die Einfachsten. Mittlerweile schüttet es wieder in Strömen, wenn auch nicht so schlimm wie gestern, aber gestern war es sowieso richtig krass. Ich warte noch ein wenig ab, wollte eigentlich noch zum CASTLE of Nancy and Patrick und noch mal zum Erscheinungsberg. Mal sehen, jetzt trinke ich erstmal Kaffee und lasse die Eindrücke noch ein wenig nachwirken.
Am Heimweg hat mich der Regen dann doch noch erwischt, wieder sehr viel Wasser auf der Straße, und heute ist es auch spürbar kühler. Die Motorradfreunde unter den Lesern übersehen jetzt, dass ich in Radlerhose und Trägerleiberl unterwegs war, weil es nur zwei Kilometer waren, oder eigentlich wären, würde man den Weg zurück auf Anhieb finden. Das Handy wollte ich wegen der Nässe nicht benutzen, so bin ich wieder umhergeirrt, habe dann bei einem Souvenirshop angehalten und es dennoch ausgepackt, weil der Regen auch nachgelassen hat. Meine Orientierung war auch schon mal besser, wie so vieles andere auch. Aber was solls, ich nehme in der Unterkunft eine heiße Dusche und packe das erste Mal im Urlaub die Jeans aus, so habe ich sie wenigstens nicht umsonst mitgenommen. Bei der Gelegenheit nehme ich auch ein paar winzig kleine Geschenke mit, aber ich bin nirgends mehr rauf und habe mir auch nichts mehr angesehen. So habe ich wenigstens Zeit für ein paar Nachrichten und Telefonate mit Menschen, die mir wichtig sind und die in dieser herausfordernden Zeit für mich da sind. Vielleicht gehe ich morgen nochmal rauf, weil ich noch 2 Dinge dort bekommen möchte, die ich einer Freundin versprochen habe, aber jetzt muss ich erst entscheiden, wo ich morgen hinfahre, muss aber erst nachsehen, wo es halbwegs trocken bleibt. Meine Nelly schaut schrecklich aus, und bevor ich überhaupt irgendwohin fahren kann, muss ich den Sand wegbekommen, insbesondere von der Kette, aber irgendwie bekomme ich das auch hin, und dann fahre ich vielleicht nach Sarajevo, und von dort wieder zurück an die Küste, um entlang des Meeres nach Hause zu fahren, aber einen Badestopp möchte ich schon noch als Abschluss einlegen. Günther hätte mit so viel Baden nicht die größte Freude, ein ganzer Tag am Strand war sehr selten, meist waren es nur wenige Stunden Pause zum Abkühlen und für ein Nickerchen. Wie er an diesen Stränden und Plätzen schlafen konnte, ist mir bis dato ein Rätsel, hart und in der prallen Sonne, das kann ich nicht. Dafür halte ich es länger aus, wie die vergangene Woche gezeigt hat.
Ich vermisse Günther schrecklich, und ich würde jeden Badetag und jede Woche gegen seine Gesellschaft und Anwesenheit tauschen. Aber irgendwie ist er ja da, immer bei mir, im Herzen und in Gedanken, und das wird er auch bleiben, so lange wie auf meiner Hand. Ich habe am Križevac nicht gebetet, also nicht, wie man es irgendwann mal gelernt hat, aber ich habe ihm den Text vorgelesen, den ich für die Rückseite seines Totenbildes ausgewählt habe und das mir aus der Seele und aus dem Herzen spricht:
Ich wünsche Dir Frieden,
ohne Kampf, ohne Schmerz,
unendlich geborgen für immer.
Sei dort, wo du bist, verbunden mit mir.
Sei wachsam und sei da
in dem Moment, wenn später, nicht jetzt,
zu meiner Zeit,
das Band unserer Liebe
mich hinführt zu Dir.
30. August 2023
Tag 23: Wechselhaft und schön
Strecke: 264 km
von Međugorje nach Sarajevo
von Međugorje nach Sarajevo
Bosnien: Međugorje - Mostar - Jablanica - Prozor-Rama
- Šćipe - Konjic - Tarčin - Hadžići - Sarajevo
Ich habe mich in Bosnien verliebt - herrliche Landschaften, türkises Wasser in den Flüssen und soo freundliche Menschen!
Jedenfalls bin ich erst relativ gestartet, hatte mir auch nicht vorgenommen, also keinen Stress. Die Route führte mich durch Mostar, die Strecke war mir noch von einer gemeinsamen Reise bekannt und ist sehr schön zu fahren. Richtig sagenhaft wurde es nach Mostar, unglaublich schöne Natur, Wasser, Berge und gute Straßen. Das Highlight war die Strecken zwischen Jablanica, Prozor-Rama und Šćipe, da die Straße aber mehr oder weniger nass war, traute ich mich nicht so richtig. Leider endete die Straße dann auch in Šćipe, da ging dann nur noch eine Forstweg weiter, den ich zwar versucht habe zu fahren, aber nach etwa zwei Kilometer umgedreht habe, weil sie sehr buckelig, viel loser Schotter in der Straße lag, und die Schlaglöcher auch krass waren. Erst dachte ich, ich muss nur 20 km zurück, aber es waren dann doch um die 50. Machte mir aber nichts aus, denn die Straße war nun großteils trocken und die Aussichten bei der klaren Luft einfach unglaublich. Bis nach Sarajevo ging es immer ein wenig kurvig weiter und die Gegend lenkte aufgrund der Schönheit etwas ab. Sarajevo war toll zu fahren, viel Platz und viele Fahrspuren, die Fahrer hier halten auch toll Abstand, es ist immer genug Platz für eine Fahrspurwechsel und die Fahrspuren immer ausreichend früh und gut beschildert, sodass man immer rechtzeitig in die richtige Spur wechseln kann.
Ein guter Tag
Ein guter Tag
Ich dachte nicht, dass ich das so schnell mal wieder sagen kann, aber heute war echt ein guter Tag. Der Abschied aus Međugorje fiel mir fast ein wenig schwer, ich war auch spät dran, und musste noch tanken und unbedingt mein Motorrad waschen. Nelly war voller Sand, auf den Felgen, in der Kette und überall. Nachdem das erledigt war, ging es die Strecke nach Mostar, die ich mit Günther schon mal gefahren bin. Bei dem großen weißen Kreuz bin ich stehengeblieben, weil wir das damals auch gemacht haben. Überhaupt war ich heute sehr intensiv bei Günther, ich habe auch Musik gehört während der Fahrt, aber viel hatte ich nicht am Handy, und Spotify streikt ohne Internet. So habe ich unsere Hochzeitslieder plus ein paar andere gehört, wunderschön, und ich fühlte mich Günther nah, und in Gedanken war er wohl auch wegen der Erinnerungen an unsere Hochzeit sehr präsent. Ich fand es heute aber nicht so extrem traurig wie die letzten Wochen und mittlerweile Monaten, sondern eher schön, und sehr oft habe ich gedacht, dass Günther diese Strecke auch sehr genießen würde.
Am Weg habe ich wetterbedingt eine Pause eingelegt und bin auf einen jungen Mann getroffen, der hier eine Fischfarm betreibt. Er hat sehr gut Englisch gesprochen und mir von seinem Motorrad erzählt. Er war von meiner Nelly richtig begeistert, und natürlich freut einen das jeden Biker immer sehr. Als der Himmel wieder etwas freundlicher wurde, bin ich weiter, und war froh, diesen Stopp eingelegt zu haben.
Sarajevo begeistert mich, es ist toll! Der Verkehr fließt wunderbar, es gibt viel Grün und es ist viel los. In der Unterkunft angekommen, durfte ich mein Bike einstellen, aber das wurde dann zu einer Challenge, weil ich über eine Stufe durch die Tür musste. Gemeinsam mit dem Betreiber war es aber dann machbar, und ich bin gespannt, wie ich morgen wieder rauskomme. Irgendwie geht es immer, sei es mit Nelly, oder auch im Leben. Ich habe dann entgegen meinem üblichen Vorgehen nicht gleich geduscht, sondern wollte noch ein paar Schritte gehen, um einen besseren ersten Eindruck von der Stadt zu bekommen, bevor es ganz dunkel wird. Die Stadt fasziniert mich, ich gehe mit offenen Augen dem Fluss Miljacka entlang und finde dieses wunderbare Herz, und ich habe mich soo gefreut, nach den vielen Gedanken an Günther heute. Als wäre es mehr als nur Zufall gewesen, und deswegen traue ich mich Passanten zu fragen, ob sie ein Foto von mir vor dem Herz für meinen Ehemann machen könnten. Ich gehe weiter, vorbei an tollen Gebäuden und großen Plätzen. Überall viele Menschen, aber es ist nicht eng, weil alles so geräumig ist. Die Stimmung fasziniert mich, wie auch schon in anderen südlicheren Ländern. Die Menschen scheinen viel geselliger zu sein, viel offener als bei uns, und es gibt so viele Möglichkeiten sich zu treffen und zu unterhalten. Große Gastgärten, gemütliche kleine Bars, Cafes und Parks mit vielen Bänken und gut beleuchtet. Es war mittlerweile etwa 20:30, dunkel und immer wieder leicht regnerisch. Trotzdem überall geselliges Treiben, und am liebsten hätte ich mich irgendwo hingesetzt, um das noch länger und intensiver auf mich einwirken zu lassen. Ich bin ja sowieso eher erst abends aktiv, also nicht wie Günther, der eher ein Morgenmensch war. Ich würde hier wahrscheinlich zu einem Nachtmenschen werden, aber ich ging dann doch zurück, um die ersehnte Dusche zu nehmen und den Bericht zu schreiben. Ich werde offenbar noch vernünftig auf meine “alten Tage”, zwei mal an nur einem Tag die vernünftigere Wahl zu treffen, ist schon fast ungewöhnlich für mich. Ja, von Günther habe ich wirklich viel gelernt, weil wir uns so toll ergänzt haben, und in vielen Dingen war er vernünftiger und bodenständiger als ich, aber nicht immer nicht überall.
Meine Route für morgen steht fest, weil das Wetter besser werden soll, fahre ich wieder an die Küste, um ihr entlang Richtung Heimat zu fahren. Wo ich übernachten werde, weiß ich aber noch nicht, weil ich erst abwarten will, wie das Wetter wirklich wird, wie gut ich vorankomme, und ob ich eine kurze Badepause einlegen möchte oder das auf übermorgen verschiebe. Samstag daheim anzukommen ist noch machbar, sollte ich nicht spontan entscheiden, mir noch einen ganzen Badetag zu gönnen. Mal sehen, kommt alles auf.
Günther, dieses Foto mit dem Herz ist für dich, weil das Herz soo groß ist, aber nicht annähernd so, wie meine Liebe zu dir, so ein Herz würde jeden Fotorahmen sprengen. Danke von Herzen für diesen Tag!
31. August 2023
Tag 24: Am Weg
Strecke: 493 km
von Sarajevo nach Karlobag
von Sarajevo nach Karlobag
Bosnien: Sarajevo - Hadžići - Konjic - Jablanica - Sovići - Osoje
Kroatien: Baška Voda - Omiš - Primošten - Šibenik - Biograd na Moru - Zadar - Tribanj - Karlobag
Unglaubliche Landschaften von märchenhafter Schönheit, völlig unterschiedlich, und jede für sich ein Traum
In Sarajevo bin ich noch ein wenig herumgefahren, um ein paar weitere Eindrücke zu sammeln, das Fahren hier ist trotz Stadtverkehr wirklich entspannt. Bis Konjic kannte ich die Strecke von gestern, und da die Straße heute meistens trocken war, war sie wunderbar zu fahren. Danach wurde es wirklich sagenhaft, ich sollte laut Maps 75 km der Straße folgen, und diese Straße war ein Traum. Anfangs noch etwas holprig, aber wenig Verkehr und märchenhaft schöne Landschaften. Erst Wald und und Berge, dann plötzlich nach nur einer weiteren Kurve eine riesige Ebene mit Grassteppe und wunderschön. Auf knapp 1300 hm ist es windig und frisch, aber wunderbar anzusehen und zu fahren. Dann wieder ein Wechsel auf gebirgiges Gelände mit viel Wald. Nach der Grenze gleich etwas wärmer, durch den letzten Berg an der Küste angelangt und nun immer der Küste entlang bis nach Karlobag.
Wechsende Landschaften - wie das Leben
Heute bin ich viel gefahren, denn ich habe mir das Ziel gesetzt, am Samstag daheim anzukommen in einem anderen Leben. Das hat mir auch die heutige Tour ganz deutlich gezeigt. Ich war hin und weg von den unterschiedlichen Landschaften. Da fährt man eine traumhaft schöne Gebirgslandschaft entlang, und plötzlich, nach nur einer Kurve, innerhalb weniger Sekunden ändert sich alles. Wie im Leben, so verstehe ich das zumindest, ist man am Weg, denkt es ist alles soweit ganz gut, und dann ist man fast betrübt, dass man das eine Foto von der Aussicht nicht gemacht hat und das nun vorbei ist, da öffnet sich im nächsten Moment alles. Plötzlich eine Weite, eine Aussicht und eine Weite, die man so ganz und gar nicht erwartet hätte. Ich denke darüber nach, ob es im Leben vielleicht nicht auch so ist, und ob ich nicht genau an diesem Punkt bin, wo etwas endet, aber sich völlig neue Perspektiven ergeben. Ich habe gar keine andere Wahl, als dieser einen Straße, oder meinen einzigartigen Weg zu gehen, und darauf zu vertrauen, dass er mich in neue Gegenden oder Abschnitte führt. Ich werde ankommen, irgendwann und irgendwo, und auch wenn es dann anders ist, so kann und wird es schön sein, sofern ich die Schönheit sehen und begreifen kann. Ich habe mittlerweile Hunger und entscheide mich für eine Pause, und auch wenn es keine Mauer ist, so ist es dennoch sehr ähnlich dem, wo Günther und ich so gerne Rast gemacht haben, um uns zu stärken. Auch er hat es sehr genossen, einfach irgendwo am Straßenrand in völliger Ruhe einfach eine Rast einzulegen, etwas zu essen und die Natur zu genießen. Ich fühle mich ihm in dieser Zeit und überhaupt den ganzen Tag sehr nahe. Ich genieße meine kleine Stärkung, fahre weiter, und wieder ändert sich alles. Ich bin total begeistert von diesen Landschaften, und ziehe viele Parallelen zum Leben, und es tut gut, das aus diesem Blickwinkel zu betrachten. Es macht mir Hoffnung und auch Mut, denn ich denke, ich muss einfach nur meinem Weg folgen, so wie ich auf der Straße mache, und darauf vertrauen, dass alles gut wird.
Kurz nach der Grenze wurde es dann auch etwas wärmer, ich hatte nach der Pause sogar schon meine Griffheizung aktiviert, von der ich schon dachte, ich hätte die umsonst dazu gekauft. Ich bin wieder an der Küste angekommen und dieser folge ich auch, und genieße die wunderbare Aussicht und die tollen Straßen. Ich hatte immer noch kein Zimmer, ich wusste auch noch nicht, wie weit ich fahren wollte. Zum Baden war mir nicht zumute, wohl auch wegen der tiefen Temperaturen von vorher. Dabei hatte es laut einer Anzeigetafel in einer Ortschaft 29°C, aber ich empfand es nicht so heiß, und das Wetter sah auch immer wieder nach Regen aus. Wie schon gestern hatte ich aber riesen Glück, denn ich entkam allem Regen, und es schleicht sich ein vielleicht dummer oder naiver Gedanke ein. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass meine trüben Tage vorbei sind, und es fühlte sich fast so an, als würde der eine oder andere Schutzengel seine Flügel über mir ausbreiten, um mich trocken, sicher und warm auf meinem Weg zu beschützen. Ein wahrlich gutes Gefühl, und ich denke mir, egal ob naiv oder nicht, ich sollte es einfach so hinnehmen, verinnerlichen und genießen.
Es wurde immer später, der Verkehr deutlich weniger, und ich wurde müde. Ich habe im Restaurant Jure spontan einen Stopp eingelegt, um eine Kleinigkeit zu essen, ich hatte das große Bedürfnis nach einer warmen Mahlzeit, und um zu überlegen, wie und wo ich denn die Nacht verbringen würde. Da es dort unter 70€ nichts gab, schaute ich auf Maps, wie weit es denn noch bis Karlobag sei. Ich war überrascht, dass ich nicht mal 40 Minuten entfernt war, weil ich dachte, es wäre viel weiter und für heute unerreichbar. So bin ich aufgebrochen, um ins OK-Karlobag zu fahren, eine Gaststätte, in der Günther und ich vor 3 Jahren das erste Mal waren, und von da an immer eingekehrt sind, wenn wir in der Gegend waren. Ich hatte einen Stopp dort sowieso fix geplant, und jetzt war ich froh, das heute noch zu schaffen. Dort angekommen, habe ich mit dem Inhaber geplaudert, mit dem wir schon öfter gesprochen haben, vor 3 Jahren, während Corona sogar sehr lang, weil damals ja gar nichts los war. Er hat mir auch eine Unterkunft empfohlen, die nur wenige Schritte entfernt ist, und diese habe ich dann auch genommen, weil ich so den Abend hier im Lokal in Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit verbringen konnte. Die Unterkunft selbst ist mit 40€ die mit Abstand teuerste der gesamten Reise, aber dieser Abend, genau an dem Platz, wo Günther gesessen hat, war mir das Geld wert. Ich trinke ein Bier, und noch ein weiteres für Günther, mir ist trotz Günthers Pullover schon etwas kalt, aber ich will noch nicht weg. Ich genieße die gedankliche Nähe, auch wenn mich die Situation doch auch ein wenig traurig macht. Ich genieße die Ruhe hier, die mittlerweile eingekehrt ist, und schreibe hier auch alles nieder, was ich mir so denke und fühle. Mein Weg nach Hause ist nicht mehr so weit, meine Reise nähert sich dem Ende, und ich bin gespannt, wohin mich meine Reise im Leben noch führt. Ich nehme mir fest vor, dem Leben an sich mehr zu vertrauen, so wie meinen Wegen auf diesem Trip, und ich hoffe, dass ich mutig und stark genug bin, allen Widrigkeiten standzuhalten und meinen Weg im Leben ebenso gehen zu können, wie ich den Wegen auf dieser Reise begegnet bin.
01. September 2023
Tag 25: Gemeinsame Wege am 12. Freitag
Strecke: 345 km
von Karlobag nach Bovec (Bavšica)
von Karlobag nach Bovec (Bavšica)
Kroatien: Karlobag - Senj - Novi Vinodolski - Rijeka - Kozina
Italien: Triest - Sistiana - Görz (Gorica)
Slovenien: Nova Gorica - immer entlang der Soca: Deskle - Kobarid - Zaga - Bovec - Bavšica
In Karlobag um 8:00 gestartet und gleich entlang der Küste nach Norden, und besonders diese erste Stunde war traumhaft. Die anderen Urlauber scheinen noch zu schlafen, ich habe die Magistrale fast für mich allein. Nach 9 wird es deutlich mehr Verkehr, aber diese Küstenstraße ist dennoch wunderschön. Nach Rijeka die Küste kurz verlassen und direkt nach Triest und Sistiana gefahren, um dort noch eine Badepause einzulegen. Die Straßen sind toll, wenn auch teilweise ein wenig nass. Dann weiter nach Norden über Gorica und Nova Gorica und von dort immer der Soca entlang bis kurz nach Bovec.
Zurück ins Bekannte
Die Nacht war nur kurz, ich bin erst um 1:30 vom OK-Karlobag in die Unterkunft gekommen, und war um 6:15 schon wieder wach. Darum gehe ich kurz noch mal runter an den Strand und sehe den Mond kurz vor Sonnenaufgang. Mich berührt diese Symbolik gegen Ende meiner Reise sehr, denn spontan fällt mir dazu ein, dass Günther ja immer ein Morgenmensch war, und ich immer erst gegen Abend aktiv bin. Während des Studiums war es gang und gäbe, dass ich abends am PC gearbeitet habe, und er dann hinter mir auf der Couch geschlafen hat. Er ist nicht alleine ins Bett gegangen, und ich bin das auch nur dann, wenn ich musste, weil er Nachtschicht hatte. Hier in dieser morgendlichen Ruhe und der friedlichen Stimmung sehe ich nun Tag und Nacht vereint, und ich freue mich darüber, weil Günther und ich das in gewisser Weise auch nach seinem Tod noch sind.
Ich packe meine Sachen und fahre schon um 8:00 los, und das war auch gut so, denn die Urlauber scheinen noch zu schlafen oder beim Frühstück zu sitzen. Ich habe die Straße fast für mich allein, und genieße jede Kurve und jeden Kilometer. Ein bisschen trübsinnig bin ich aber trotzdem, denn das sind nun Gegenden, in denen wir wirklich sehr oft gewesen sind, und noch dazu ist es heute genau 12 Wochen her, dass Günther sterben musste.
Den Rest des Berichts ergänze ich morgen, ich muss ins Bett, bin müde, mir ist kalt und hier ist mir heute viel zu laut...
Heute, eine Woche später, versuche ich, diesen vorletzten Bericht aus meiner Erinnerung fertigzustellen. Weil ich gerade an einer Bronchitis erkrankt bin, kann ich sowieso nicht viel tun, weil ich sofort außer Atem bin.
Um etwa 9:15 wurde es deutlich belebter auf den Straßen und Wegen, die Urlauber werden deutlich mehr, aber die Magistrale ist dennoch wunderbar zu fahren. Ich fahre immer der Küste entlang, nur durch Istrien, bis nach Triest fahre ich dann die kürzeste Strecke. In Sistiana, da waren wir schon mal baden, da fand ich einen kleinen und abgelegenen Strand, wobei der Fußweg da runter etwas abenteuerlich war. Zurück war es dann richtig beschwerlich, und außerdem bin ich auf einen Spanner getroffen, der sich hier direkt am Weg einen gerubbelt hat. Im Grunde fand ich es im ersten Moment nicht so schlimm, nur kurz irritierend, aber es hat mich dann doch nicht losgelassen, weil dieser Kerl seinen Blick auf den Strand gerichtet hatte. Auf Familien, die sich hier unbeschwert erholten, und ich habe mich dann geärgert, nichts gesagt und getan zu haben. Zumindest habe ich dann abends eine Rezession auf Google geschrieben, damit zumindest jene gewarnt sind, die sich vorher informieren und solche Rezensionen lesen.
Beim Motorrad angekommen, hab ich mir Sorgen wegen meines Zeitplans gemacht, reine Fahrtzeit waren 2,5 Stunden und es war schon zwischen 17 und 17:30, aber die bevorstehende Strecke war mir ja nicht unbekannt, und so bin von Italien zurück nach Slowenien in unser geliebtes Soca-Tal. Ich wurde fast ein wenig trübsinnig, weil so viele Erinnerungen an unsere gemeinsamen Ausflüge hoch kamen, aber ich habe versucht, das in Dankbarkeit umzuwandeln, dass ich überhaupt so viele schöne Erinnerungen habe, und wir das so genießen konnten. Die Landschaft hier ist einfach nur unbeschreiblich schön, nur der Tourismus ist leider in den letzten Jahren sehr viel mehr geworden. Irgendwie sehr verständlich, aber auch ein wenig schade, weil diese Ruhe und unberührte Natur darunter leiden. Jedenfalls wurde es kalt, obwohl ich vorher noch so geschwitzt habe, schalte ich jetzt die Griffheizung wieder ein. Ich hatte geplant, in Bovec noch zu tanken, viele Tankstellen gibt es in der Gegend leider nicht, die war aber mit einem Absperrband versehen, und ich hatte den Eindruck, dass die länger geschlossen bleibt.
Die Unterkunft war sehr abgelegen, angenehmer Frieden und Ruhe, aber auch Kälte, aber damit hatte ich gerechnet aufgrund früherer Erfahrungen. Der Empfang war sehr nett, im Schlafsaal nur 1 weiteres Bett belegt, und es gab sowas wie Küche und Speiseraum. Nach einer Dusche habe ich mir im Speisesaal eine gute Jause gegönnt und mit dem Bericht angefangen. Außerdem habe ich geschaut, wie weit es zur nächsten Tankstelle ist, und war beruhigt, dass es nur 60 km bis Kranjska Gora sind, somit hätte ich dann 280 km am Tacho, und das würde sich schön ausgehen. Gegen 22:30 war mir wieder kalt und ich war soo müde, dass ich dachte, ich würde bald im Sitzen einschlafen, deshalb bin ich dann auch ins Bett.
Der Mond kurz vor Sonnenaufgang - Nacht und Morgen (-Mensch) in Stille und Frieden vereint