Reisetagebuch 2023 - 3. Woche
22. August 2023
Tag 15: beruhigendes Kroatien
Strecke: 73.6 km
von Bosnien nach Kroatien
von Bosnien nach Kroatien
Link zu Calimoto: calimoto.com/calimotour/t-WobIsLiOGY
Bosnien: Trebinje - Ljubovo - Ivanica
Kroatien: Dubac - Cavtat - Srebreno
Zeitig in der Früh, also noch vor 8:00 bin ich aufgebrochen, es geht auf der M20 zur Grenze in Ivaniva. Die Stecke ist mir von früheren Reisen bekannt und wunderbar zu fahren, denn sowohl Straße als auch Landschaft sind herrlich. Nach der Grenze gleich mal weiter Richtung Küste, denn ich habe mir 3 Strände rausgesucht, die ich mir für ein paar Stunden Pause rausgesucht habe. In Cavtat enttäuscht, bin ich weiter nach Srebreno, wo es mir umso besser gefiel, und die Küste rauf und runter zu fahren ist ja jetzt nicht sooo übel.
Zur Ruhe kommen
Endlich. Vielleicht ist es so, weil Günther und ich so oft in Kroatien gewesen sind, oder aber aus anderen Gründen, die im Grunde egal sind. Jedefalls fühlt es sich fast wie ein wenig "ankommen" an, obwohl wir hier an diesen Stränden noch nie Halt gemacht haben. Der erste Versuch war leider eine Enttäuschung, es machte den Anschein, als wäre Cavtat eine Stadt für die Reichen. Parkgebühren von 3 Euro pro Stunde, überall Sperren und Begrenzungen, dafür schöne Boote und Jachten. Nachdem ich lange den Strand entlang gelaufen bin, ohne ein ruhiges Plätzchen zu finden, bin ich weitergezogen und in Srebreno gelandet. Der Fußweg zu diesem Strand war nicht sehr gut gewählt, etwa eine halbe Stunde bin ich teilweise durch Gebüsch und Hecken, hab geschwitzt, meine Beine zerkratzt und zerstochen, und natürlich auch ein wenig geschimpft. Aber als ich den Platz dann entdeckte, wusste ich, hier würde ich bleiben, wahrscheinlich auch die Nacht hier verbringen. Dieser innere Drang immer weiter und weiter zu ziehen hörte auf, oder macht zumindest Pause, und es ist befreiend. Natürlich fließen wieder die Tränen, als ich das erste mal ins Wasser gehe, hier an diesem wunderbaren Ort, den auch Günther sicherlich geliebt hätte. Aber es ist nicht dieses bitterliche und verzweifelte Heulen, was ich es erst durch Günthers Tod kennengelernt habe. Dennoch eine schier grenzenlose Traurigkeit, eine Leere, ein Zusammenziehen im gesamten Brustkorb, als würden sich Herz und Lungen zusammenziehen, um sich gegen ein Herausreißen zu wehren versuchen. Ich lasse mich am Wasser treiben, so, wie Günther es nie konnte und es nie vertanden hat, wie ich das kann. Seine Beine sind immer abgesunken, und vielleicht konnte er sich am Wasser einach nicht so entspannen wie ich. Ich liege auf der Wasseroberfläche und lasse mich treiben und tragen, und verinnerliche dieses Gefühl, getragen zu werden, entspanne und beruhige mich...und komme endlich zur Ruhe.
Im Laufe des Nachmittags bin ich mehrmals im Wasser, ich liebe diese Schwerelosigkeit, mit Taucherbrille und Schnorchel beobachte ich die Fische, die es hier in wunderbaren Farben zu sehen gibt. Am späteren Nachmittag gehe ich einen anderen Weg zurück zum Motorrad, um Wasser einzukaufen, denn ich habe nur noch einen Liter von 5, und ich habe beschlossen, zumindest noch einen Tag hierzubleiben. Mit Hunger einkaufen zu gehen ist auch im Urlaub keine gute Idee, der Konsum hat eine soo tolle Auswahl an Obst, dass ich nicht nur Käse,Brot und Wasser kaufe, sondern auch Äpfel, Pfirsiche, Tomaten und Orangen...wer das wohl alles zum Strand trägt....aber erst muss ich es am transportieren, und das allein war schon eine Herausforderung. Den Weg zurück hab ich dann fast nicht mehr gefunden, es war schon fast dunkel bis ich zurück bei meiner Hängematte war. Ich bin gleich noch mal ins Wasser, natürlich sind keine Leute mehr da, und es ist angenehm ruhig. So war dann auch die Nacht, obwohl ich duch schlechte Träume und Ängste wegen der Zukunft wach wurde und unruhig. Ich bin dann halt auch um halb 2 nachts einfach mal runter zum Strand und rein ins Wasser, Abkühlung für den Kopf, und so konnte ich danach auch wieder recht gut einschlafen. Das war Tag 15, der erste Tag von Woche 3 und vielleicht auch der erste Tag von ein paar weiteren ruhigeren und entspannteren Tagen, bevor ich irgendwann zurück muss in ein anderes Leben.
wunderbares Kroatien
wunderbares Kroatien
wunderbares Kroatien
wunderbares Kroatien
wunderbares Kroatien
wunderbares Kroatien
wunderbares Kroatien
wunderbares Kroatien
23. August 2023
Tag 16: Sommer, Sonne, Strand und Meer
Strecke: 0 km
Hängematte - Strand
Hängematte - Strand
Link zu Calimoto: calimoto.com/calimotour/t-WobIsLiOGY
Kroatien: Srebreno
Der Weg ist nicht weit, aber ich bin ihn heute sehr oft gegangen, die paar "Stufen" zwischen Strand und Hängematte 😉🌞
Zur Ruhe kommen Tag 2
Essen, schlafen und baden, mehr habe ich heute nicht gemacht. Das Wasser und die Sonne tun unheimlich gut, das Wasser ganz besonders, glaube ich. Ich lasse mich treiben, lass mich tragen, und je mehr ich mich dem Wasser anvertraue, desto schwereloser und sicherer fühle ich mich. Jetzt bräuchte ich dieses Gefühl und dieses Vertrauen nur noch in mein Leben zu übertragen, wer weiß, vielleicht würde es auch besser funktionieren, als immer nur zu funktionieren und zu hetzen. Mir wird auch allmählich bewusst, wie sehr ich mich selbst die letzten Monate, oder eigentlich die letzten 2 Jahre seit der Diagnose verloren habe. Nicht nur, dass ich die Kontrolle über mein Essverhalten verloren hatte, auch ein Gespür für meine eigenen Bedürfnisse und auch für meinen Körper, das sowieso noch nie gut ausgeprägt war, scheint völlig verloren. Gezeigt haben mir das beim Schnorcheln die unterschiedlichen Temperaturen vom Wasser, nicht einfach wegzuhetzen, wenn es wo besonders kalt ist, sondern auch einfach mal zu fühlen, was passiert. Die Gänsehaut am ganzen Körper wahrzunehmen hat mir gezeigt, dass mein Körper auch noch lebt, mit all der Anspannung und neuerlichen Entspannung im wärmeren Wasser. Die Sonne auf der Haut und das Kratzen, wenn das Salzwasser auf ihr trocknet. Hunger…ich habe heute wie auch schon gestern so viel Appetit, dass es mir Angst macht. Gsd war ich gestern vernünftig genug, um keine Süßigkeiten zu kaufen, und so genieße ich die Süße der Früchte zwischen den normalen Mahlzeiten.
Die letzte halbe Stunde ist es ruhig geworden am Wasser, es sieht gefährlich nach Regen aus und donnert immer wieder mal. Ich warte noch ab, habe schon einen Platz entdeckt, wo ich mich und meine Sachen relativ schnell vor einem Regen schützen kann. Vor allem meine Sachen, denn ich glaube, ich könnte den Regen auf der Haut heute auch genießen. Ich liebe diese Ruhe, nur noch die Brandung und sehr wenige Boote in der Ferne, die in der Umgebung haben wohl Feierabend.
Immer wieder beschleicht mich das dumpfe Gefühl, ich dürfte das hier nicht genießen, und es fällt mir auch tatsächlich sehr schwer. Günther fehlt so sehr, und dabei weiß ich, er hätte für mich das Beste gewollt, und damit auch, dass ich das hier wirklich genießen kann. Aber er fehlt…..und ich kämpfe…immer weiter, anstatt mich einfach treiben und tragen zu lassen, wie am Wasser. Ich weiß ja, dass ich weitermachen muss, egal ob ich will oder nicht. Es wäre halt sehr viel einfacher, wenn ich denn überhaupt wollte. In drei Tagen könnte ich leicht daheim sein, und ehrlich gesagt, freue ich mich schon auf meine Familie, insbesondere meine Söhne und natürlich meine Freunde, die mir soo viel Halt geben und mich soo sehr unterstützen. Ich bewundere ihre Geduld, denn immer wieder nur die gleiche Leier zu hören, ist schon anstrengend. Ich selbst kann ja meine eigenen Gedanken schon bald nicht mehr aushalten, auch immer wieder das Gleiche, aber die letzten beiden Tage machen mir dann doch Hoffnung, aus dieser Trostlosigkeit herauszufinden. Die Angst vor der Zukunft bleibt aber, die Angst, ob ich unser Zuhause jetzt auch noch verliere, Angst um die berufliche Zukunft nach der Insolvenz meines Dienstgebers, und natürlich Angst, dem nicht gewachsen zu sein. Ich erinnere mich aber an die Schlaglöcher - ich versuche darauf zu schauen, wo und wie ich am besten durchkomme, und nicht darauf, wo ich überall reinfahren kann. Das zu lernen wird schwer, wird aber nötig sein, denn bei so viel Leere muss ich sorgsam mit meinen Gedanken sein, damit ich diese Leere nicht mit weiteren Sorgen und Problemen fülle. Ich muss anfangen zu träumen, und hier und jetzt ist sicher ein sehr gut geeigneter Ort dafür, und die Zeit dafür sowieso überreif.
24. August 2023
Tag 17: Sommer, Sonne, Strand und Meer
Strecke: 15 km
Strand, einkaufen, Strand
Strand, einkaufen, Strand
Kroatien: Cavtat
😅Der Weg ist nicht weit, aber beschwerlich, überhaupt der Fußweg, daher kein Caimoto
Zur Ruhe kommen Tag 3
Immer noch am selben Platz, hier ist es echt schön und friedlich, ich fühle mich so wohl wie seit Wochen oder Monaten nicht. Dabei habe ich echt nicht gut geschlafen, war einfach unruhig. Morgens dann aufgeschrocken, weil mich ein Hund geweckt hat. Den habe ich wohl gestört, und ich habe keine Ahnung, wo der herkam, warum er nicht zu bellen aufhörte, und warum und wohin er wieder verschwand. Aber so war ich schnell wach, aber von Wohlfühlen konnte noch keine Rede sein. Ich fühlte mich klebrig, verschwitzt, fettig, so bin ich gleich mal runter an den Strand und ins Wasser. War aber nur geringfügig besser, also etwa eine halbe Stunde später wieder rein. Eigentlich wollte ich gleich am Morgen einkaufen fahren, um noch länger hierbleiben zu können, aber irgendetwas passte mir nicht. Ich habe mich dann trotzdem angezogen und bin den doch langen und etwas beschwerlichen Weg zum Parkplatz rauf. Es war schon gegen 10:30 und entsprechend heiß, und weil ich halt überhaupt keine körperliche Betätigung hatte in den letzten Monaten, musste ich zwischendurch sogar eine Pause einlegen. Oben angekommen, habe ich mir in dem kleinen Cafe neben dem Parkplatz gleich mal einen doppelten Espresso und ein großes Wasser bestellt. Drinnen war es angenehm kühl, und ich habe einen Platz gefunden mit einer Steckdose in der Nähe, sodass ich mein Handy aufladen konnte. Nach dem Kaffee gleich mal auf die Toilette, und jetzt wurde mir auch klar, dass es meine Verdauung ist, die dieses Unbehagen verursacht hat. Ohne weiter ins Detail zu gehen, Schweißausbrüche hatte ich, wie sonst nicht mal in der Sauna, ging mir echt scheiße, im wahrsten Sinn des Wortes. Aber nachdem ich mich im Cafe abkühlen konnte und einen ganzen Liter eiskaltes Wasser getrunken habe, fühlte ich mich deutlich besser und brach auf zum gut 7 km entfernten Konsum. Hab natürlich wieder viel zu viel gekauft, könnte wahrscheinlich beinahe eine Woche überleben, oder 3 Tage gut leben damit. Beim Müller neue Pflegetücher und Magnesium gegen meine Krämpfe gekauft und zurück an den wundervollen Strand. Sooo heiß, der Weg zurück auch lang, wenn die Sonne so niederbrennt, darum alles nur abgestellt und runter an den Strand, Kleidung weg und rein ins kühle Nass. Von da an fühlte ich mich wohl.
Ich bin heute viel geschwommen, war überhaupt viel im Wasser, leider hat mir das ein paar rote Stellen verursacht, aber bis morgen sollte fast alles wieder gut sein. Fast, denn da, wo sonst keine Sonne hinkommt, ist das Rot etwas stärker ausgeprägt ;-)
Am späteren Nachmittag mit einem sehr netten Mann ins Gespräch gekommen, Vlatko, der hier lebt und 1 - 2x die Woche an diesem Strand ist. Ein sehr aufmerksamer Mensch, denn ohne dass ich es gesagt hätte, so ahnte er nach wenigen Sätzen, dass mein Mann gestorben sein muss. Er hat mir seinen letzten Kaffee gegeben, und es hat echt gut getan, einfach ein wenig zu plaudern, wenngleich es mit meinem Englisch echt schwierig ist, weil ich absolut keine Übung habe und ständig nach Worten suche, die ich eigentlich kenne. Nett war es trotzdem, und für eine kleine Unterhaltung war es dann doch ausreichend.
Jetzt am Abend war es wieder total leer und still, nur eine Schwimmerin kam noch vorbei, die auch schon am Morgen da war. Ich bin dann auch noch mal geschwommen, habe 2 Fotos vom Sonnenuntergang gemacht und mich an mein Chromebook gesetzt, das ich von Günther bekommen habe, und schreibe diese Zeilen.
Geweint habe ich die letzten zwei Tage wenig, ich dachte schon, ich könnte einen ganzen Tag ohne aushalten, aber hat dann doch nicht ganz gereicht. Vielleicht morgen, wer weiß. Ich plane langsam meinen Abstecher nach Medjugorje, da möchte ich unbedingt noch hin, weil Günther und ich vor einem Jahr im Juni dort waren. Fast auf den Tag genau ein Jahr später ist er gestorben, nur ein oder 2 Tage waren dazwischen, ich müsste nachsehen, mach ich dann wahrscheinlich auch noch, weil ich sowieso zu neugierig bin. Jedenfalls denke ich, dass dieser Besuch dort sehr wichtig und emotional für mich sein wird. Ich fürchte es fast ein wenig, aber ich habe das Gefühl, dass es einfach sein muss. Möglicherweise hilft mir aber genau das, wieder einen Schritt weiterzukommen, mein Herz zu öffnen um den Schmerz rauszulassen, und mich so auch wieder ein Stück davon zu verabschieden. Ich kann ja immer noch nicht schreien, obwohl ich ab und zu so ein starkes Bedürfnis danach hätte, einfach alles rauszubrüllen, zu schreien, mich dem Verlust hinzugeben, um loslassen zu können. Aber immer noch ist alles zu, es schnürt mir den Hals ab und mir fehlt die Luft, sodass selbst das Atmen schwer wird. Aus jetziger Sicht möchte ich am Samstag, also übermorgen fahren, vielleicht aber auch erst am Sonntag, da aber dann spätestens, weil es hier dann zwei Tage regnen soll. Immerhin plane ich mittlerweile ein paar Tage voraus, und nicht nur ein paar Stunden, das fällt mir jetzt während ich das schreibe auf, und ich deute es als gutes Zeichen. Immer mehr bin ich froh darüber, wirklich gefahren zu sein, und es tut echt richtig “saugut”, nicht mehr unentwegt in Bewegung sein zu müssen, sondern langsam aber sicher zur Ruhe zu kommen.
25. August 2023
Tag 18: Sommer, Sonne, Strand und Freitag
Strecke: 0 km
Hängematte - Strand
Hängematte - Strand
Kroatien: Srebreno-Cavtat
Der Weg ist nicht weit, aber ich bin ihn heute sehr oft gegangen, die paar "Stufen" zwischen Strand und Hängematte 😉🌞
Zur Ruhe kommen Tag 4
Ein weiterer Freitag, und so beginnt er auch. Der Hund war auch heute da um zu bellen, ich wollte ihn fotografieren, aber das mag er wohl so gern wie ich, hat er schon umgedreht und war weg, und somit die Ruhe zurückgekehrt. Was heute den ersten Tag anders war seit Monaten: Günthers Wecker hat nicht um 7:30 geläutet, weil der Akku des Handys leer ist. Hat mir irgendwie gefehlt, und dennoch war es auch gut, denn ich hätte ihn wohl noch länger nicht abgestellt.
Schon mit dem Aufwachen durchlebe ich diesen Freitag immer und immer wieder, so wie auch die Freitage davor. Seine letzten Worte, seine Dankbarkeit, sein letzter Wunsch und natürlich dieser letzte Kuss, bei dem es mir auch jetzt wieder Tränen in die Augen treibt. Es war Liebe, und das ist es noch, und ich wünschte, ich hätte mehr für ihn tun können, mehr da sein, besser unterstützen, besser verstehen, mehr Liebe und Zuwendung geben und überhaupt alles besser gemacht. Nun ist es zu spät und ich kämpfe weiter. Mein ganzes Leben kämpfe ich, und ich habe oft einfach keine Kraft mehr. Ich habe mit 14 Monaten um mein Leben gekämpft, und entgegen ärztlicher Meinung, aber mit deren Unterstützung diesen Kampf gewonnen, bin zurückgekommen ins Leben, und das mehrmals. Und so oft in diesem erkämpften Leben habe ich mir gewünscht, ich hätte damals doch aufgegeben, und vielleicht hätte ich das auch, wenn ich gewusst hätte, wofür ich kämpfe und was mich erwartet. Ich hatte mal die "Eingebung", ich hätte das meiner Mama nicht antun wollen, dass sie mit diesen Schuldgefühlen hätte leben müssen, sie wäre wohl daran zerbrochen. Und so mach ich halt weiter, und hoffe, dass es irgendwann mal leichter wird, wenn auch nicht in nächster Zeit, denn Güthers Söhne akzeptieren sein Testament natürlich nicht, und somit muss ich wohl um Zuhause jetzt auch wieder kämpfen.
Ich bin immer noch an Ort und Stelle, an diesem wunderbar friedlichen Strand, ich mache nicht viel, außer zu essen, schwimmen, schnorcheln und herumliegen. Ich versuche, meine Gedanken und Sorgen beiseite zu schieben, um Kraft und Ruhe zu tanken für die nächsten Monate. Heute erscheint es mir lauter als sonst von den Booten und Jetski, bin aber nicht sicher, ob es daran liegt, dass Freitag ist, oder ich heute einfach empfindlicher bin. Ich war heute auch noch weniger oft im Wasser, es ist heute auch brütend heiß, nicht eine kleine Dunstwolke, die die Sonne für ein paar Minuten abschwächen würde. Es ist einfach wunderbar, grenzwertig heiß, aber einfach nur herrlich und schön. Es ist auch schon wieder 16:30, und einerseits kommen mir die Tage sagenhaft lang vor, andererseits sind sie dann auch wieder schnell vorbei, weil die Sonne dann doch auch schon spürbar früher untergeht als noch im Juni.
Nachdem meine Laune so mies war, hab ich den Bericht ruhen lassen und wieder zurück an den Strand. Jetzt um nicht ganz 20:00 fühle ich mich wieder besser. Ich weiß nicht, warum ich mir selbst immer wieder so viel Stress machen muss. Vor wenigen Tage noch habe ich gedacht, wieder ein wenig Gefühl für mich selbst zu bekommen, aber heute war wieder alles vergessen. Als ich dann am Strand meine Füße angesehen habe, an denen ich am besagte Tag so viele kleine Verletzungen wie blaue Flecken, Kratzer überall und Brandflecken, da ist es mir wieder eingefallen. Auf mich selber achten und auf meinen Körper und seine Signale hören. Da fiel mir auf, dass heute auch der Weg hoch zur Hängematte beschwerlicher erscheint, und ich beobachte das Treiben am Wasser, das wirklich nicht mehr ist als die letzten Tage. Ich versuche zu meditieren, bewusst Vertrauen und Hoffnung einzuatmen und Sorgen und Ängste loszulassen. Ich verstehe und erinnere mich daran, dass es solche Tage noch viele geben wird, aber dass das auch sein darf und wahrscheinlich auch so sein muss und ganz normal ist. Ich muss nicht jeden Tag besser funktionieren….immer dieses funktionieren! Im Moment habe ich Zeit, wenn ich wollte, dann sogar noch bis zu zwei Wochen, aber ich plane in einer Woche daheim zu sein, Samstag oder Sonntag, wenn das Wetter daheim wieder besser ist. Ich habe Angst davor, aber es muss ja sein, und außerdem freue ich mich wirklich auf Gesellschaft von Freunden und Familie. Möglicherweise treibt mir die eine oder andere Umarmung nach dem Wiedersehen die Tränen erneut in die Augen, ich bin sogar ziemlich sicher, dass dies passieren wird, aber ich habe heute beschlossen, dass ich mich nicht mehr dafür schämen und es zulassen und akzeptieren werde, zumindest so gut ich kann. Wenn ich jetzt, nach diesen Verlusten nicht weinen darf, ja wenn denn dann?! Ob die Praxis dann auch so gut umzusetzen ist, wie ich mir das vorstelle, wird sich zeigen, sehr zuversichtlich bin ich nicht, aber der Entschluss ist da, und: es muss/ ich muss nicht auf Anhieb funktionieren. 😉
Fotos gibt es wenige, wären ja immer die Gleichen, weil ich mich ja nicht vom Fleck bewege, heute habe ich aber versucht, ein Selfie zu machen, und nein, ich kann es einfach nicht…. 😉
26. August 2023
Tag 19: Sommer, Sonne, Strand und Sonnenbrand
Strecke: ~5 km
Hängematte - Strand - Market
Hängematte - Strand - Market
Kroatien: Srebreno - Cavtat
Keine großen Wege auf der Straße, nur kleine Schritte in Richtung Verbesserung - sogar Selfies veruche ich zu machen 🙈🤩
Zur Ruhe kommen Tag 5
Es ist unglaublich, wie die Zeit vergeht. Vor zwei Tagen saß ich auch hier in diesem kleinen Café, diesmal habe ich das Chromebook mit und beginne schon mal mit meinem Bericht für den heutigen Tag. Es ist jetzt kurz nach 14:00, und nach einem eher betrübten Start in den Tag, bin ich jetzt doch recht guter Dinge, was vielleicht ein “klein-wenig” daran liegt, dass ich nach zwei Tagen meinen ersten Kaffee, einen doppelten Espresso bekommen habe 😉.
Hier ist es angenehm kühl, ich sitze nämlich trotz Sonnenschein wieder drinnen, denn der Weg vom Strand hier herauf ist echt anstrengend für Leute wie mich, und um die Tageszeit mitten im August sehr schweißtreibend. Etwas Pause von der Sonne tut auch den “rötlichen” Stellen auf meinem Körper ganz gut, das Spannen und Ziehen war heute Nacht etwas unangenehm, und ich sollte achtsamer mit mir und meinem Körper umgehen. Wie oft ich auf dieser Reise schon daran erinnert wurde…erst heute Morgen bei der Körperpflege, beim Betrachten meiner langsam abheilenden Kratzer, Schnittwunden und Blutblasen. Naja, manche Dinge erlernt man schneller als Andere, aber deswegen gebe ich auch nicht auf.
Eine kleine Fotopause, um meine “Arbeitsumgebung” abzubilden, wie sie meines Erachtens eigentlich immer sein könnte: Chromebook, Kaffee, Wasser, ein angenehmer Luftzug und nette Umgebung mit sehr freundlichen Menschen. Eine zweite Runde Wasser und Kaffee gehen sich im Budget auch aus, denn da ich seit Tagen nicht fahre und nicht viel brauche außer Essen und Schlaf, habe ich ganz nebenbei meine Reisekasse geschont.
Heute ist schon Tag 19 meiner Reise, und ich vermisse meine Freunde und Familie langsam schon sehr. Ich habe aber echt Angst vor dem was kommt, und es fällt mir jeden Tag schwerer abzuschalten und die Probleme beiseite zu schieben. Das war auch heute Morgen sehr präsent und hat mich sehr beunruhigt, aber Stunde um Stunde konnte ich besser abschalten, und es war ein sehr schöner Vormittag mit viel Zeit im Wasser, das heute besonders ruhig und angenehm ist. Ich versuche weiter Kraft zu tanken, Energie zu gewinnen aus dieser Umgebung, aus Wasser, Luft und Sonne, denn die werde ich brauchen. Nach den letzten zwei Jahren fühle ich mich doch recht ausgelaugt, und verdammt nochmal, das habe ich mir wohl auch verdient, rede ich mir zumindest ein, weil es mir mein Verstand sagt, aber das Gefühl dafür nicht sehr stark ist.
Es ist an der Zeit, höchste Zeit sogar, mich bei all den Menschen zu bedanken, die mich in Gedanken auf dieser Reise begleiten. Danke an alle, die mir schreiben, auf meinen WhatsApp-Status reagieren, mit mir telefonieren und sich einfach nur mal erkundigen, wie es mir denn geht. Es tut sooo unendlich gut zu spüren und zu erfahren, dass ich trotz des für mich fatalen Verlustes dennoch nicht ganz alleine bin. Ich danke euch und kann euch versprechen, dass ich euch das nicht vergessen werde, und immer dankbar an euch denken werde. Ich freue mich auf euch und eure Gesellschaft, und ich hoffe, nein, ich bin fast sicher, dass ich nach dieser Abschiedsreise eine bessere Gesellschaft sein werde als die letzten Monate. Und eines Tages, wenn der Schmerz und die Traurigkeit immer weniger werden, und das müssen sie einfach und tun sie langsam auch, dann haben wir hoffentlich wieder Spaß, und darauf freue ich mich!
Zur Ruhe kommen Tag 5 - Teil 2
Teil 2 um etwa 20:00 bis 20:45
Ich weiß nicht, ob ich es schreiben darf, ja doch, ich muss sogar, denn es ist ein wichtiger Schritt für mich zu lernen, genau das zuzulassen: es war ein richtig angenehmer und schöner Abend. Schon nach meinem Einkauf am Rückweg zum Strand ging es mir deutlich besser als in den letzten Wochen und Monaten. Ich habe natürlich geschwitzt, es war gegen 17:00, und ich hab zu mir gedacht, es macht eigentlich gar keinen großen Unterschied, ob ich rauf oder runter gehe. Es ist einfach nur heiß. 😅
Am Weg zurück habe ich dann heute das erste Mal die Schönheit des Weges gesehen, trotz der Hitze, und obwohl ich als Motorradfahrerin eigentlich weiß, “der Weg ist das Ziel”. (Diesen Moment schwirren mehrere Fledermäuse über mir und rund um mich. Soo lässig sie zu beobachten und den quirligen Flug, zudem kommen sie immer wieder sehr nahe, aber ich vertraue auf ihr Sonar.) Jedenfalls habe ich dann einige Fotos gemacht, damit ich natürlich auch mal wieder etwas Anderes herzuzeigen habe, als immer nur den gleichen Strand. Zurück bin ich dann ohne Umwege direkt ins Wasser, mitsamt allem was ich anhatte, denn nass war es sowieso schon. So tausche ich Salz von Schweiß gegen Meersalz, ziehe mich erst im Wasser aus, und bleibe dann über eine Stunde im Wasser. Es tut sooo gut, das Schwimmen, das Treibenlassen, die Frische und die Ruhe. Plötzlich erinnere ich mich an meine Rollen, die ich in meiner Jugend so gern gemacht habe, und die ich total vergessen hatte. Ich versuche es einfach, ob ich es noch und kann und wie als Kind (beinahe…nur 30 JAhre älter) drehe ich mich vorwärts und rückwärts. schwimme wieder auf und ab, lass mich treiben und denke an Günther, der das sicherlich kopfschüttelnd aber lächelnd fotografieren hätte.
Ich bestaune neuerlich den Sonnenuntergang, hole mir ein paar Trauben und einen der soo leckeren und saftigen Pfirsiche, wie man sie daheim nicht bekommt. Als die Sonne weg ist, telefoniere ich noch mit meinem Sohn Michael, um mich nach dem Sturm daheim zu erkunden. und natürlich will ich auch wissen, wie es ihm geht und was er so macht. Bei der Hängematte gönne ich mir noch ein Abendessen bestehend aus Zwieback, Käse und Tomaten, und bin zutiefst dankbar, dass ich diesen Abend so genießen durfte.
Danke an dieser Stelle nochmal an alle Nachrichten, die ich im Laufe des Tages bekommen habe, mit all den guten Wünschen und den aufmunternden Worten. Sie fruchten nun endlich, langsam, aber doch, und ohne euch würde ich noch viel länger in meiner Traurigkeit und Verzweiflung festhängen. 🤗
Zu Medjugorje bin ich heute vielleicht ein wenig schlauer geworden, denn warum ich den Drang habe dorthin zu müssen, war mir bis heute selbst ein Rätsel. Ich dachte schon, ich wäre irgendwie krank und suche das Leid und auch das Selbstmitleid. Aber ich glaube jetzt, ich suche Zugang zu meinen Gefühlen, der mir ja sehr viele Jahre gar nicht offen war, und auch seit meinem Tiefpunkt immer schwer zugänglich war. Vielleicht hilft es mir Zugang zu diesem Kloß, Stein, Druck in der Brust, Schmerz oder wie auch immer zu finden.Ich fürchte, es wird ein sehr harter und steiniger Weg im wahrsten Sinn des Wortes, aber ich fühle immer deutlicher, dass ich das brauche, egal was kommt und was dort geschieht. Wir waren letztes Jahr dort und deshalb weiß ich, es ist alles erlaubt, was an Gefühlen hochkommt, und ich hoffe, dass alles, was erstmal draußen ist meinen Schmerz lindert.
Der Mond scheint mittlerweile wunderbar in meinem Blickfeld über dem Bildschirm, und ich überlege, jetzt in der Dunkelheit noch mal schwimmen zu gehen. Es erscheint mir schwül heute, und da es ab Montag hier auch gewittrig werden soll, ist das wahrscheinlich auch so. Ich bin auch fasziniert von der nächtlichen Stimmung hier, das Mondlicht lässt die vielen hellen Steine fast leuchten, es erinnert mich an die Kieselsteine bei Hänsel und Gretel, und so ist die Nacht auch nicht ganz so dunkel und finster.
27. August 2023
Tag 20: Sommer, Sonne, Strand und Schwimmen
Strecke: 0 km
Hängematte - Strand
Hängematte - Strand
Kroatien: Cavtat
Heute hab ich im Wasser sicher mehr Meter gemacht als an Land, hat aber sehr sehr gut getan.
Zur Ruhe kommen Tag 6
Tag 20, beinahe 3 Wochen, wobei ich jetzt ja fast eine Woche am selben Ort bin. Ich genieße es hier, es ist so friedlich und ruhig, hier habe ich etwas Ruhe finden und Kraft tanken können. Es war ein wirklich angenehmer Tag, und ich war heute das erste Mal mehr in Kontakt mit anderen Menschen. Einem Pärchen, das auch jeden Tag bis etwa Mittag hier war, sie aus Deutschland, er aus England, habe ich den Seestern gezeigt. Den einen, den ich noch gar nicht erwähnt habe, der nicht nur wegen seiner imposanten Größe, sondern wegen seiner purpurnen Farbe etwas ganz Besonderes ist. Seit drei Tagen bestaune ich ihn, und die beiden waren auch fasziniert.
Am Nachmittag war auch Vlatko wieder hier, der freundliche Herr, mit dem ich vor wenigen Tagen schon gesprochen habe. Er hat mir Kaffee mitgebracht!! Ein wirklich sehr aufmerksamer Mensch, der viel beobachtet und deswegen auch viel bemerkt und sieht. Wir haben unsere Mailadressen ausgetauscht, und er meinte, ich sollte mich melden, wenn ich wiederkomme, und ich denke, das würde ich wahrscheinlich auch machen.
Jetzt am Abend ist es wieder besonders ruhig, heute waren viele Badegäste hier, war zu erwarten am Sonntag, die Letzten sind gerade gegangen. Ich mache mich auf den Weg zu meiner Hängematte, werde noch etwas essen und diesen letzten Abend hier ruhig ausklingen lassen.
Morgen geht es nach Medjugorje, weil es hier sowieso auch Unwetter geben wird, abgesehen davon muss ich ja irgendwann mal wieder nach Hause und mich meinen Aufgaben stellen. Wenn ich von allem so viel hätte wie Sorgen… aber ich bin zuversichtlich, irgendwie, ich muss ja sowieso nehmen, was kommt. Wer weiß, vielleicht muss das Haus ja draufgehen, also für mich, denn "freedom is just another word for nothing left to lose". So, perhaps, muss ich ja wirklich in den Süden auswandern, aber alles der Reihe nach. Jetzt erst mal Zuhause ankommen, nachdem ich Medjugorje erledigt habe, denn das wird hart, ist aber notwendig, ich muss das machen. Das Zimmer ist gebucht um 13€ pro Nacht, ich bleibe voraussichtlich zwei Nächte, um genügend Zeit für mich und das, was kommt, zu haben. Ich bin gespannt und nervös. Danach werde ich noch einen oder zwei Tage kroatischen Strand einlegen und je nach Wetter irgendwann am Wochenende daheim ankommen, aus heutiger Sicht wohl Samstag. Der Abschied dieser Abschiedsreise naht, irgendwie macht dieser Gedanke die Endgültigkeit wieder ein Stück realer und betrübt mich, aber das ist wohl nötig, Stück für Stück, immer weiter, bis ich irgendwann in einem neuen Leben ankomme und mich hoffentlich auch zurechtfinde.
28. August 2023
Tag 21: Sommer, Sonne, Strand und Abschied
Strecke: 140,8 km
Srebreno - Međugorje
Srebreno - Međugorje
Kroatien: Cavtat - Dubrovnik - Slano - Zaton Doli
Bosnien: Neum - Hadžibegov grad - Svitavsko Lake - Trebižat - Međugorje
Nach einer längeren Pause als gedacht oder geplant, geht heute dann doch weiter nach Međugorje. Es ist windig, aber das Fahren macht Spaß. Ich entscheide mich bewusst gegen die neue Brücke, weil ich von Neum zum Svitavsko Lake fahren will, und zwischendurch noch die Ruine Hadžibegov grad besichtige. Die Strecke ist landschaftlich herrlich, wuunderschön und strahlt eine angenehme Ruhe aus, die Straßen manchmal etwas holprig, aber nicht so schlimm, wie ich es in Erinnerung hatte.
Ein letztes Abschiedsziel - Međugorje
Als ich hier ankam, hätte ich nicht gedacht, dass ich es so lange aushalten würde. Diese friedliche Ruhe, das Rauschen des Meeres, der Wind, das Wasser, die Luft und das Meer, alles zusammen ein kleines Paradies und der perfekte Ort um Kraft zu tanken und Erholung zu finden. Dennoch ist auch hier die Zeit des Abschieds gekommen, und so sitze ich heute schon am Vormittag in der Hängematte und beginne den heutigen Bericht.
Abschiede sind ja bekanntlich immer schwer, aber in diesem Fall weiß ich ja, dass ich wiederkommen kann, und ich bin fast sicher, dass ich das auch werde. Es wird auch schon windig, für heute Abend sind Regen und Gewitter vorhergesagt, was mir den Abschied erheblich leichter macht. Wenn ich jetzt nach Međugorje fahre, weiß ich, dass dies ein schwerer Weg für mich werden wird, aber ein Entscheidender, denn er ist das letzte Ziel dieser Abschiedsreise, und ich habe noch keinen neuen Plan, kein Ziel, kein Leben vor Augen, wie es denn werden könnte. Sich treiben und tragen lassen wie am Wasser ist ja recht und schön, aber man weiß nicht, wo man landet, und so muss ich langsam beginnen zu steuern - nur eben WOHIN?!? Vielleicht mache ich mir doch wieder nur zu viele Gedanken und Stress, denn mit dem Studium, dem Kampf mit den Versicherungen und dem Erbstreit, der sich anbahnt, werde ich so viel zu tun haben, dass mein Plan einfach "überleben" sein wird und weder Zeit noch Energie für mehr Pläne und Ziele übrig bleiben wird. Nach der Insolvenz meines Dienstgebers und dem damit verbundenen Verlust meines Arbeitsplatzes, dann dem schier unerträglichen Verlust meines Mannes, möchte ich mein Zuhause nicht auch noch verlieren. Es wäre nicht in Günthers Sinn gewesen, aber er hat immer das Gute in den Menschen gesehen, so auch in seinen Söhnen, die nicht teilhaben wollten an seinem "neuen" Leben, weder der Hochzeit vor 10 Jahren, noch dem Begräbnis des eigenen Vaters beigewohnt haben, und nun seinen letzten Wunsch natürlich auch nicht respektieren oder akzeptieren. Aber ich muss zugeben, ich hätte ihnen ein solches Maß an Herzlosigkeit und Skrupellosigkeit auch nicht zugetraut, denn nicht mal das bisschen Anstand für einen letzten Abschied zu haben, finde ich schon fast verstörend. Aber ich kenne ihre Gründe nicht, naja, der Jüngere hatte in Kärnten schon was gebucht, so seine Aussage, muss ich hinnehmen wie es ist, und ist eigentlich auch nicht meine Angelegenheit. Würde es nur gern verstehen, so wie Günther gern verstanden hätte, was sie sich gewünscht oder gewollt hätten. Eine Aussprache zu Lebzeiten wäre für alle sehr heilsam und wichtig gewesen, aber dazu fehlte ihnen wohl der Mut und der Wille.
Aber zurück in die Gegenwart, diese Gedanken stören nur meinen eigenen inneren Frieden, soweit ich den überhaupt habe. Ich nehme jetzt Abschied auf Zeit, von diesem wundervollen Ort, um mich meiner nächsten Etappe zu stellen, in der Hoffnung, ein Stück Heilung zu finden. Ob ich darüber berichten kann, weiß ich noch nicht, ich lass es auf mich zukommen und werde das spontan nach Gefühl entscheiden. Jetzt wird alles gepackt und eine letzte Runde geschwommen, nach dem Purpur-Seestern geschaut und am Weg zum Bike sicherlich wieder geschwitzt. Aber ich freue mich auf den Kaffee, den ich mir dort oben wieder gönnen werde, und ehrlich gesagt freue ich mich jetzt auch schon sehr auf ein paar Kilometer entlang der Küste mit meiner Nelly und Günther in Gedanken bei mir.
Mittags:
Bin nervös, sitze hier bei Kaffee und Wasser in diesem sehr netten und empfehlenswerten Café. Die Route ist gespeichert, die Offline-Karte heruntergeladen, der Schlüssel leider nicht aufgetaucht, also alles bereit. Nur ich zapple noch herum, wie immer, aber ich bin bereit, bin zuversichtlich (im Moment 😉) und positiv gestimmt. Den Wind fürchte ich ein wenig mit all dem Gepäck, aber was rede ich, ist ja nicht das erste Mal windig auf dieser Reise ,geschweige denn bei unseren vielen gemeinsamen Reisen. Ich hatte schon bessere Ausreden, also wirklich, das nimmt noch ein schlimmes Ende mit mir 😅
So, und jetzt rein in die Kluft, und los, ich komme wieder, das ist ziemlich sicher, denn auch die Wirtin hier ist soo freundlich, überhaupt bin ich hier nur freundlichen Menschen begegnet. Ich sollte wirklich langsam kroatisch lernen, zumindest ein wenig, kann nichts verlieren, wenn ich es zumindest versuche. Na dann, wieder ein neues Ziel, ein neuer Plan…. Geht doch 🤩
Međugorje - der erste Abend
Wahnsinn, einfach der Wahnsinn, ich weiß gar nicht, wo ich beginnen soll. Also die Fahrt war herrlich, windig, aber hat richtig Spaß gemacht. Ich hab mir eine alte Ruine angesehen, und als ich dort ankam, wurde mir klar, dass ich hier schon mal gewesen bin, da war Günther natürlich dabei, und da haben wir hier ebenfalls einen Stop eingelegt. Eigentlich eh nicht verwunderlich, denn wir haben uns immer die schönsten und interessantesten Routen ausgesucht, und das habe ich diesmal auch so gemacht. Der Wind hat es angenehm gemacht, hier diese Ruine nochmal anzusehen und viele Fotos zu machen. Ich habe wieder versucht ein paar Selfies zu machen, wen sonst soll ich denn fotografieren, wenn ich doch alleine bin. Die weitere Strecke war mir auch noch in Erinnerung, aber damals fiel es mir bedeutend schwerer mit der teilweise holprigen Straße zurechtzukommen. Heute ging es erstaunlich gut, mit Nelly ist einfach toll fahren, sie hat ein tolles Handling und besitzt so eine Leichtigkeit, wie ich sie bei Günther gesehen habe, obwohl ich da natürlich meilenweit davon entfernt bin. Er ist einfach gefahren, wie ich es bei keinem Anderen je gesehen habe.
In Međugorje angekommen, hat sich der Wetterumschwung schon deutlich gezeigt, der Regen und die Unwetter würden bald einsetzen. Aber damit habe ich gerechnet, und es passt ja zu meinem Vorhaben. Ich fahre mit Nelly zum Plavi križ, zum blauen Kreuz, von wo es auf den Erscheinungsberg geht. Am Weg dorthin mache ich noch Halt bei einem Konsum, um Wasser, Früchte, Kekse, Bier und Zigaretten zu kaufen. All die Dinge, die Günther auch gerne mochte, so wie Mama. Ich stelle mein Motorrad ab, packe die kleine Einkaufstasche mit den nötigsten Dingen und gehe noch in einen Souvenirshop, um dort einen Schlüsselanhänger für Sebastian zu kaufen. Dort werde ich davor gewarnt, heute noch auf den Berg zu gehen. Ich gehe trotzdem, denn immerhin habe ich ja den Dickkopf meiner Mama. Schon am Weg nach oben wird es dunkel, rundherum blitzt und donnert es, aber das macht mir nichts. Es beginnt auch langsam zu tröpfeln, die Steine werden sehr rutschig, und ich werde ungeduldig, ich will rauf, einfach rauf auf den Berg, immer weiter, weshalb ich auch immer schneller werde. Als ich die große weiße Madonna erblicke, beginnen die Tränen zu fließen. Ich setze mich auf einen Stein ganz in der Nähe, weil noch 4 Personen vor der Madonna beten, und ich sie nicht stören möchte. Ich mache mir ein Bier auf, zünde mir eine Zigarette an, und denke an Günther, Mama und Oma Maria. Ich bin traurig, verzweifelt und wütend zugleich. Als die 4 Damen fertig sind, sprechen sie mich an, wohl auch aufgrund des Wetters. Ich erkläre ihnen, dass mir das nichts ausmacht, weil ich vor elf Wochen meinen Mann verloren habe, und dieses Wetter perfekt zu meiner Stimmung passt. Da nicht alle Englisch sprechen, übersetzt eine der Jüngeren den anderen, was ich gesagt habe. Da kommt die ältere von den vier, älter, ist gut, deutlich jünger als ich, vielleicht 35, auf mich zu und umarmt mich einfach. Eine wildfremde Person, einfach so, und ich kann es zulassen. Die anderen drei umarmen mich dann ebenso, und ich weine, weine, und kann nicht aufhören zu weinen. Međugorje ist anders, das haben Günther und ich auch letztes Jahr gespürt, es ist einfach friedlich und harmonisch, wie eine andere Welt, und jetzt weiß ich auch, warum ich unbedingt herkommen musste. Als sie dann weg sind, mache ich ein paar Fotos, ich werde wütend, einfach wütend, weil sie mich alleine lassen, allesamt. Wie oft habe ich Oma am Friedhof darum gebeten, mich einfach zu sich zu holen, mich zu erlösen von all dem Schmerz und Leid hier. Obwohl ich eigentlich kein religiöser Mensch bin, so ist wohl auch die Symbolik der Mutter Maria, diese beschützende Mama für alle, an die man sich immer wenden kann, die mich hierher zieht. Das Gewitter nimmt Fahrt auf, ich werde nass bis auf die Haut, aber es macht mir nichts. Alles ist genauso, wie es wohl sein soll. Ich schimpfe, weine und frage immer wieder nach dem Warum. Der Ausblick von hier oben ist wunderschön, die Lichter der Stadt in der Dunkelheit leuchten, ebenso die Madonna. Der Abschied fällt fast ein wenig schwer, aber der Regen wird mehr, ebenso der Wind und das Gewitter. Es blitzt und donnert von allen Seiten, und ich denke, die drei können schon auch schimpfen, weil ich so blöd bin hier Bier zu trinken und rauchen. Aber ich sag ihnen, dass ihnen das nicht zusteht, denn genau wegen diesen Dingen muss ich alleine zurechtkommen, und wenn sie sich auf Raten selbst umbringen können, dann darf ich das wohl auch. Als ich mich ein wenig beruhigt habe, mache ich mich auf den Rückweg, und ich bin froh, dass der Weg gut beleuchtet ist. Die Blitze helfen auch, aber es setzt heftiger Regen ein. Das hat den Vorteil, dass es die Steine abwäscht, die dadurch nicht mehr so rutschig sind. Der Regen wird jedoch richtig heftig, darum schalte ich mein Handy aus, weil alles durch und durch nass ist. Es entstehen kleine Bäche entlang des Weges, man sieht kaum, wo man hin steigt, und ich bin froh, die Barfußschuhe zu tragen. Als der Regen in Hagel übergeht, sage ich meinen drei “Begleitern”, dass sie es jetzt schon ein wenig übertreiben, aber ich habe nicht mehr weit. Auch entlang der Straßen fließen braune Bäche runter, es ist Wahnsinn, was hier gerade abgeht, und ich bin mittendrin. Während des gesamten Abstiegs bete ich. Ich. Ja, ich bete, ich versuche es, wie ein Mantra zu Mutter/Oma Maria, und es hilft mir, einfach weiterzugehen, nicht stehenzubleiben, nicht zu schimpfen, sondern einfach weiterzumachen. Beim Motorrad angekommen, hoffe ich, den Weg zurück zu finden, denn mein nasses Handy möchte ich aus Angst vor Schäden nicht unbedingt einschalten. Und mir wird leichter, einfach irgendwie leichter, befreiter. Ich kann es schwer beschreiben. Der durchnässte Sitz macht mir nichts aus, das Wasser fließt sowieso nur noch von mit runter und durch meine Schuhe durch, teilweise ist es knöchelhoch. Auf der Straße ist es schlimm, ich sehe kaum, wo ich hinfahre, selbst die Autos versuchen den Bächen auszuweichen, und ich habe ein wenig Sorge, weil ich nicht sehe, wie tief das Wasser ist und was sich darunter befindet. Dann wird es lustig, denn ich komme an einer Gruppe Menschen vorbei, die versuchen sich unterzustellen, sicher 15 bis 20 junge Leute, und sie beginnen mir einfach zu applaudieren. Ich muss lachen, winke ihnen zu, ich bin ja sicher auch ein lustiger oder auch trauriger Anblick, hier, in ärmellosen T-Shirt, kurzer Hose, in der Dunkelheit und bei strömenden Regen hier entlangzufahren. Ich spüre eine Leichtigkeit und auch eine eigenartige Freude, es ist eine völlig unwirkliche Situation, und irgendwie genieße ich den Applaus.
Natürlich finde ich die Unterkunft nicht auf Anhieb, so bleibe ich bei einer Bäckerei stehen, weil hier einige Menschen sind, die sich unterstellen und ich eine Chance sehe, mich auch kurz unterstellen zu können. Ich frage zwei junge Männer, ob sie das Hotel kennen, aber weil sie selbst nachsehen müssen, entscheide ich mich abzustellen und eine Pause einzulegen. Es duftet herrlich, und so komme ich auch noch zu einem lecker Abendessen. Mit den beiden Jungs entsteht ein sehr nettes Gespräch, ihnen gefällt meine Nelly, sie sehen sich mein tolles Motorrad genauer an und erzählen mir von diversen Freunden und Verwandten, die auch Motorräder haben. Weil ihr Weg in dieselbe Richtung geht, kann ich mich bei ihnen anhängen, ich war nur ein paar hundert Meter vom Hotel entfernt. Der Regen ist mittlerweile etwas schwächer geworden, und als erstes wasche ich meine Schuhe und Füße in der Dusche, um den Schmutz und die Erde von den Füßen und vor allem aus den Schuhen zu bekommen. Danach kümmere ich mich noch um alle Geräte, die seit Tagen keinen Strom mehr haben und schaue, dass ich eine WLAN-Verbindung bekomme. Dann eines der Highlights des Tages: eine heiße Dusche und Haarewaschen. Den Bericht wollte ich dann eigentlich auf morgen verschieben (was es mittlerweile geworden ist), aber nachdem ich zu schreiben begonnen hatte, wollte ich das dann doch gleich fertigstellen. Mittlerweile bin ich aber müde, es ist fast 1:00 nachts, und ich denke, ich werde die Bilder etc. dann wirklich erst morgen reinstellen. Nach einigen Tagen in der Hängematte freue ich mich nun auf ein Bett, und weil ich zwei Nächte hier bin, habe ich morgen keinerlei Stress, kann also schlafen, so lang ich will und kann. Ich bin gespannt, was mich morgen am Križevac erwartet und was ich erleben werde. Dieser Ort ist schon besonders, unabhängig davon, ob an den Marienerscheinungen was dran ist oder nicht. Die Energie hier ist einzigartig, und die Leute sind es auch.